Gerade wenn du dich an den Gedanken gewöhnt hast, dass das nun also deine Nachbarn sind, bist du mal ein Wochenende nicht da – und sie ziehen einfach weg. Dass es mit Nachbarn nie einfach ist, hat mit der unmittelbaren Nähe ihrer Wohnung zu deiner Wohnung zu tun, und der Tatsache, dass dein Distanz-Empfinden größer ist, als es diese Wände erfüllen können. Aber man gewöhnt sich an alles, an die seltsame elektronische Musik, die sie zu unchristlichen Tageszeiten spielen; die vollen Mülltüten und Schuhe, die dir den Weg zu deiner Wohnung vor allem im Dunkeln zu einer Stolperfalle machen; dass sie immer genau dann einen Grillabend machen, wenn du früh ins Bett willst, und dann auch noch genau immer diese eine Freundin einladen, deren Lachen du einfach nicht ertragen kannst. Und obwohl es knallheiß ist in deiner Wohnung, kannst du nicht mit offenem Fenster schlafen, weil dieses Lachen dir Albträume beschert. Aber das nimmst du ihnen einfach mal nicht übel, denn sie müssen ja auch ständig mit dir Musik hören, vor allem um sieben Uhr morgens auf voller Lautstärke, da hast du auch keine Hemmungen. Der nächste Gedanke ist: Bitte, bitte, keine neuen Nachbarn mit Kleinkind. Kinder sind ja an sich prima und so, aber nicht neben deiner Wohnung, nachtsweinend. Eigentlich reicht dir die Kleine vom Wochenendvater unter dir, die gerne mal samstags in der Früh vor deinem Küchenfenster steht mit einem lauten Plastikspielzeug in der Hand und irgendwelche lustigen Dinge reinschreit, während du im Schlafanzug bist und nichts sehen oder hören willst, bevor der erste Kaffee komplett leer ist. Sie ist eigentlich ein reizendes kleines Mädchen, vielleicht fünf, und wenn sie in ihrem Englisch-Deutsch spricht, geht dir das Herz auf. Aber dann klettert sie außen auf der Feuertreppe entlang, und rutscht dann fast aus, während du vom Fenster aus nicht richtig hinsehen kannst ohne halben Herzinfarkt, und gerne eine Helmpflicht für alle Kinder einführen würdest, die vor deinem Fenster spielen wollen. Unter deinem Balkon ist hinter der Mauer ein richtig traumhafter Spielplatz, auf dem bei schönem Wetter gegraben und gebuddelt wird wie auf einem Bauernhof in Bullerbü. Trotz der Entfernung hörst du dann so pädagogisch wertvolle Ratschläge wie „Chiara, ich möchte nicht, dass du mit Sand wirfst.“ Und bei diesem Weichspüler-Erziehungsscheiß fändest du es angebracht, wenn Chiara mit größeren Dingen, also Steinen zum Beispiel, werfen würde – aber eigentlich geht es dich nichts an, und es interessiert dich auch nicht. Nur hören würdest du es auch gerne einfach nicht.
Ansonsten habe ich eine grandiose Mail bekommen von einem jungen Herrn, der auch grad mitten in den Depp-vom-Dienst-Jahren steckt:
hey. danke für das iron & wine cover. und den lieblingsschweizer.
es ist gut, dass du nicht weinst. auch wenn du vielleicht grund dazu
hättest. ach, den trottel einfach abhaken. wenns geht. das sagt sich als
aussenstehender ja immer sehr einfach. wie oft habe ich das schon von dir
gehört… und im prinzip hattest du immer recht. tja. aber man ist ja
jeweils etwas emotional behaftet. und kann dann auch mit guten ratschlägen
nicht so viel anfangen. bei mir ist ja sowohl beruflich,
als auch privat überhaupt kein land in sicht. gerade gestern wurden wieder
zwei hammer-themen von mir für magazin-texte abgeschmettert. das heisst, ich
hab wieder mal für nichts und wieder nichts blut, schweiss und tränen
investiert. alles, was zurückkommt ist: halt die ohren steif, irgendeinmal
wirds schon klappen. zum stahlwolle kotzen.
und privat flautiger als flautig. wie immer.
unter diesen umständen geht es mir eigentlich recht gut. ich merke, dass ich
immer anspruchsloser werde. irgendeinmal hat man einfach genug einstecken
müssen und begreift, dass wohl die eigenen ansprüche zu hoch sind. ich meine
jetzt vor allem im bezug auf die arbeit. an die frau werde ich nach wie vor
hohe ansprüche setzen. aber langsam ist mir egal, wie ich mir mein geld
verdiene. scheiss auf ziele und ambitionen. legen dir ja doch alle nur
steine in den weg. das, was du willst, sollst du gar nicht. auch wenn du es
könntest. das geht mir gerade ziemlich auf den keks. wenn ihr nicht wollt,
dass euch einer gute texte schreibt, dann geilt euch nur weiter an eurem elitären getue auf.
Stahlwolle kotzen. Tja, nach der Generation Praktikum kommt eben doch nichts Besseres nach, wie es scheint. Vielleicht ist es langsam mal Zeit für einen Aufstand. Ich glaube, wir sind leider dafür alle zu sehr mit uns selbst beschäftigt und mit dem Lebenslauf-Rumgefrickel. Und genau das bringt uns nicht einen Schritt weiter.
Die heutige Such Great Heights-Version ist von dav0 – der auch noch andere wahnsinnig schöne Akustik-Cover auf youtube hat. Ich kann das Lied langsam nicht mehr hören – mit der Erstellung der Compilation und dem erneuten Anhören habe ich es bestimmt an die hundert Mal gehört in den letzten Tagen. Morgen also der Rest und dann wieder andere Musik.
