Happy Schnitzel

Dezember 25, 2008 · Kommentar schreiben

garten

Das Klingeln des Telefons reißt mich aus dem Schlaf. Ich versuche, es zu ignorieren. Sechs Mal klingeln lassen ist okay. Ich bin stärker, und nach dem zwölften Klingeln hört es auf. Nach einer Weile klingelt es wieder endlos. Ziemlich unhöflich, zu dieser Uhrzeit, am ersten Weihnachtsfeiertag. Irgendwann bin ich weichgeklingelt, und tapse in die Küche, um den Hörer zu holen. Zwei Stunden später sitze ich auf meinen Knien im alten Haus meiner Großeltern auf dem Boden. Früher war hier das Esszimmer, und da, wo früher ein Teppich lag, liegt ein umgedrehter Tisch, dessen Beine ich nun abschraube. Kreuz-Schlitz. In einer Woche bekommt die neue Familie den Schlüssel, endlich. Seit Jahren steht es schon leer, es wird immer mehr zu einem Geisterhaus.

Ein letzter Durchgang durch das Haus, vom Dachboden bis zum Keller. In den einzelnen Zimmern sieht man noch, wo das Bett und der Tisch standen, der Boden hat hier eine andere Farbe. Ich kann sie immer noch riechen, Oma und Opa. Das Haus ist innen frisch gestrichen, völlig ausgehöhlt. Vor Jahren haben wir die alten Möbel und den gesamten Hausrat in Container geladen. In der Garage hatte mein Opa seine Werkstatt, eine Werkbank und die Wände voller Regale. In den Regalen standen in Schraubgläsern tausende Schrauben, Nägel, Lacke. Er hat nie etwas weggeworfen. Man hätte das ja alles noch brauchen können. Ich erinnere mich an das Gefühl, als ich mit dem Brecheisen die Regale von den Wänden brach, immer mit einem Stück Wand dran. Allein der Garageninhalt reichte für eine komplette Sprinter-Ladung Sperrmüll.

Im Keller stehen noch ein paar letzte Dinge, die ich die Treppe hoch trage. Eine kleine Trittleiter, zwei Dosen mit Lack und Politur, ein langer Gartenschlauch auf einer Spindel, zwei schwere Spaten und eine stumpfe Axt. Eigentlich das perfekte Equipment für einen Mord. Vermutlich habe ich zu viele Filme gesehen. Vor der Garage staple ich alles auf dem Weg. Früher waren hier keine Platten, sondern körniger Teer. Als Kind schlug ich mir hier einmal beide Knie auf, das eine blutete dunkelrot, das andere hellrot. Bei der Gelegenheit lernte ich den Unterschied zwischen venösem und arteriellem Blut. Das brennende Gefühl des Desinfektionsmittels in solchen Momenten bleibt.

Früher stand er immer hier an der Garage, wenn wir wegfuhren. Bei jedem Wetter begleitete er uns zum Auto, und winkte uns hinterher. Wenn das Auto auf der Straße gewendet hatte, hupten wir einmal kurz, als Abschiedsgruß. Das war ein Ritual, das älter war als wir Kinder. Seit Jahren steht da niemand mehr an der Ecke, und wir hupen nicht mehr beim Wegfahren. Trotzdem drehe ich mich jedes Mal noch um, um einen Blick auf den Weg vor der Garage zu werfen, wo er mein ganzes Leben stand, in seiner Strickjacke mit den großen Flicken an den Ellenbogen, und so lange winkte, bis er uns nicht mehr sehen konnte.

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